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  • Major Franke und Oberleutnat Drews in Okahandja, 1911

Objekte der Herero und Fang in der Lübecker Völkerkundesammlung

Die Provenienzforschung der Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck ist proaktiv. Sie erfolgt nicht als Reaktion auf bestehende Rückgabeforderungen, sondern ist Teil eines selbstgesetzten Ziels, mittelfristig alle Verdachtsfälle im Gesamtbestand kritisch zu durchleuchten. Unter den kolonialzeitlichen Beständen stechen zwei Konvolute besonders hervor, die seit dem 1. Dezember 2019 Gegenstand eines zwölfmonatigen, im Wesentlichen mit Mittel des Deutschen Zentrums Kulturgutverlust finanzierten, Provenienzprojektes sind.

Zunächst handelt es sich um 72 Objekte der Herero aus dem heutigen Namibia, die von zwei Lübecker Offizieren sowie zwei Ärzten der kolonialen Schutztruppe und einer Krankenschwester gesammelt wurden. Sie gelangten zwischen 1906 und 1945 teils als Schenkungen, teils als Nachlässe in den Bestand des Museums. Es soll geprüft werden, ob und inwiefern dieser Kleidungs- und Schmuckstücke, Gebrauchsgegenstände und Waffen im Zusammenhang mit dem Genozid an den Herero und Nama (1904-1908) stehen. Besondere Bedeutung kommt dabei der Identifizierung von Human Remains zu.

Den Schwerpunkt der Arbeit bildet jedoch der Bestand der Lübecker Pangwe-Expedition nach Zentralafrika (1907-1909), eine Sammlung, die als die wertvollste und kulturhistorisch bedeutendste der Lübecker Völkerkundesammlung gilt. Tagebücher dieser Expedition beweisen, dass die damals zusammengetragenen Objekte überwiegend als Ankäufe und Schenkungen, in einigen Fällen aber auch im Austausch gegen Geiseln oder durch Überfälle auf nicht kooperationswillige Dörfer ihren Besitzer wechselten. Von den ursprünglich etwa 1200 Objekten überdauerten jedoch nur 158 die Bombardierung des Lübecker Museums im Zweiten Weltkrieg. Ob sich unter diesem Restbestand noch Raubgut identifizieren lässt, ist eine der zentralen Fragen dieses Projektes.

Neben der Vorbereitung möglicher Restitutionen liegt ein Schwerpunkt auf Kooperationen mit den Herkunftsgemeinschaften und der Rückgabe von Wissen. Es werden Fachleute aus den Herkunftsländern eingebunden und Kataloge der geprüften Objekte in der jeweiligen Landessprache erarbeitet, die online frei zugänglich sein und an alle interessierten Parteien verschickt werden. So arbeitet in diesem Projekt neben dem Historiker Michael Schütte, der für die Archivrecherchen zuständig ist, auch Drossilia Dikegue Igouwe, eine Gastwissenschaftlerin aus Zentralafrika. Sie wird im Sommer 2020 Feldforschungen durchführen, um neue Erkenntnisse über die Objekte zu gewinnen und einen Dialog mit den Herkunftsgemeinschaften zu initiieren. Mit einem Stipendium des Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck bereitet sie zudem eine Dissertation über die gesamten zentralafrikanischen Bestände der Völkerkundesammlung vor.