Glauben in der Diaspora

Gedenktafel für die Einweihung des ersten jesidischen Tempels in Armenien, 2012, Inv. Nr. 2015.20:0, Sammlung Frühsorge
Tempel in Aknalitsch, 2015

Seit einigen Jahren ist die Glaubensgemeinschaft der Jesiden zunehmend in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Grund für das internationale Medieninteresse war die Terrorherrschaft des sogenannten „Islamischen Staates“ in Syrien und dem Irak, die sich zu einem regelrechten Genozid an den Jesiden und anderen religiösen Minderheiten ausweitete. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Jesidin Nadia Murad im vergangenen Monat hat das Leid dieser Menschen erneut internationale Aufmerksamkeit erhalten.

Als ethnologisches Museum darf sich unsere Rolle aber nicht auf die Wiedergabe derartig flüchtiger Schlagzeilen reduzieren. Vielmehr sollten wir uns auf die Geschichte und Kultur solcher Minderheiten konzentrieren um zu verdeutlichen, welchen Reichtum die Menschheit durch deren Vertreibungen und Vernichtungen verliert. Ebenso müssen wir den Widerstand und die Anpassungsfähigkeit dieser Menschen würdigen, um sie nicht auf die Rolle wehrloser Opfer zu reduzieren. Allein mit ethnographischen Objekten sind solche Themen schwer darstellbar, zumal sich die Jesiden in ihren materiellen Erzeugnissen kaum von den sie umgebenden Kulturen unterscheiden. Für die Darstellung ihrer Geschichte sind wir hingegen auf Schriftquellen von europäischen Autoren angewiesen, die zwar wertvolle Informationen liefern, aber auch Missverständnisse und Vorurteile enthalten. 

Ein gutes Beispiel hierfür sind die Reiseberichte des Lübeckers Gustav Pauli. Er besuchte 1875 und 1876 Dörfer muslimischer und jesidischer Kurden sowie Kirchen und Klöster der christlichen Minderheiten der Armenier und Aramäer in den heutigen Gebieten der Türkei, Syriens und des Irans. Nach mehr als einem Jahrhundert voller Vertreibung und Ermordung existieren viele dieser Orte heute nicht mehr. Aber gerade diese Tatsache macht Paulis Beobachtungen zu einem umso wertvolleren historischen Zeugnis der religiösen Vielfalt im Nahen Osten. Auch scheint der Autor während seiner Reise einige Vorurteile überwunden zu haben. Nahm er in einem ersten Bericht die Kurden zunächst nur als eine Bande von Räubern wahr, so wurden seine Beschreibungen nach nur einer Nacht in einem kurdischen Dorf differenzierter. Besonders das selbstbewusste Auftreten der Frauen scheint ihn sehr beeindruckt zu haben. Für Gespräche mit Einheimischen war er jedoch auf mäßig kompetente Dolmetscher angewiesen und einige seiner Angaben scheinen von westlichen Missionaren in der Region zu stammen, bei denen Pauli zeitweise wohnte. So findet sich in seinem Bericht beispielsweise die damals wie heute verbreitete Fehlinformation, dass die Jesiden den Teufel anbeten würden. 

Objekte aus jesidischen Dörfern finden sich in den heute noch erhaltenen Resten von Paulis Sammlung leider nicht. Und so scheint eine von mir selbst erst vor wenigen Jahren in Armenien erworbene Holztafel das einzige Jesidenobjekt in der Völkerkundesammlung zu sein. Dieses schlichte kunsthandwerkliche Produkt wird dem kulturellen Reichtum der Jesiden natürlich in keiner Weise gerecht. Doch es steht sinnbildlich für die jüngsten Entwicklungen dieser Glaubensgemeinschaft in der Diaspora. So erinnert diese Tafel an die Einweihung des ersten Tempels, der jenseits ihres ursprünglichen Heimatgebietes in dem armenischen Ort Aknalitsch errichtet wurde. 

Wie die Abbildung erahnen lässt, orientiert sich die Architektur dieses Bauwerks stark an dem Hauptheiligtum der Jesiden im irakischen Lalisch. Somit ist die Tafel einerseits eine Erinnerung an die verlorene Heimat und die eigenen kulturellen Wurzeln. Andererseits verweist das mit dem Bild dokumentierte Ereignis der Tempelweihe auch auf die Bereitschaft der Jesiden, sich dauerhaft in Armenien niederzulassen. Tatsächlich beschrieben mir Armenier die Jesiden als rechtschaffene und hart arbeitende Mitbürger. Ihr Integrationswille wird auch im Areal des Tempels deutlich. Gedenksteine benennen jesidische Männer, die in der armenischen Armee kämpften und starben und betonen die Einheit von Armeniern und Jesiden. Zudem ist der Tempel, im Gegensatz zu anderen Gebetsräumen (die inzwischen auch in Deutschland bestehen), jederzeit frei zugänglich und ausdrücklich als ein Ort der Begegnung und Vermittlung des Glaubens an Außenstehende gedacht. Dies ist bemerkenswert, da sich die Jesiden der Außenwelt bisher als eine eher verschlossene Glaubensgemeinschaft präsentierten, in die man hineingeboren wird, zu der man aber nicht konvertieren kann. Ob sich die mit diesem Objekt dokumentiere Öffnung der Jesiden weiter fortsetzt, oder ob sie nur eine weitere Episode in der jahrhundertelangen Geschichte ihrer Vertreibung bleibt, kann nur die Zukunft zeigen.