Steinzeitmenschen im 21. Jahrhundert?

Korb von den Andamanen, vor 1912, Inv. Nr. 7132, Sammlung Umlauff

Der hier gezeigte Korb stammt von der heute zu Indien gehörenden Inselgruppe der Andamanen. Die Gestaltung lässt vermuten, dass er von Angehörigen einer als Großandamaner bezeichneten Ethnie auf der Südinsel des Archipels gefertigt wurde. Insgesamt verfügt die Völkerkundesammlung über 18 Objekte von den Andamanen. Für mich zählen diese Stücke zu den wichtigsten unserer Sammlung, weil sie nicht nur Zeugnisse einer ausgelöschten Kultur sind, sondern auch ein Mahnmal für die fatalen Folgen des Kolonialismus, die bis in unsere heutige Zeit reichen.

Die Großandamaner waren Jäger und Sammler. Der tropische Regenwald bot ihnen ein reiches Angebot an essbaren Pflanzen, Wildfleisch und Bienenhonig. Auch die Küstengewässer waren fischreich. In der Zeit des Südwestmonsuns, zwischen Mai und September, konzentrierten sich Jagd- und Sammeltätigkeiten auf den Wald, im Rest des Jahres auf den Küstenbereich. Körbe wie dieser wurden von Frauen geflochten. Sie dienten zur Sammlung oder Aufbewahrung von Nahrung und wurden mit einem Kopfband getragen.

Wegen ihrer dunklen Hautfarbe und ihrer traditionellen Lebensweise ohne Metallwerkzeuge erregten die Andamaner schon früh die Aufmerksamkeit von Ethnologen. Man nahm an, dass sie Nachfahren einer ersten Einwanderungswelle von Menschen aus Afrika nach Asien wären. Bis heute werden die Andamaner immer wieder fälschlicherweise als die weltweit letzten Steinzeitmenschen dargestellt.

Vor der Kolonialisierung lebten noch tausende Indigene auf den Inseln. Zum Zeitpunkt der Sammlung dieses Korbes war ihre Zahl aber schon so stark geschrumpft, dass manche Beobachter ihr baldiges Aussterben befürchteten. Wie bei vielen anderen kolonialen Sammlungen stand auch hinter dem Erwerb dieses Konvoluts der Wunsch, ein bleibendes Zeugnis dieser verschwindenden Kultur zu bewahren. Gründe für den Bevölkerungsrückgang waren koloniale Strafexpeditionen, Entführungen und Vertreibungen, vor allem aber aus Europa eingeschleppte Krankheiten. Im 20. Jahrhundert passten sich viele Überlebende der Lebensweise der britischen und indischen Kolonialisten an und verloren so ihre eigene Sprache und Kultur. Heute existieren noch vier indigene Gemeinschaften auf den Inseln. Die Großandamaner und Onge umfassen jeweils nur noch eine zweistellige Bevölkerungszahl. Sie leben in kleinen, abgelegenen Reservaten und sind von Zuwendungen der indischen Regierung abhängig. Die ca. 200-400 Jarawa hingegen konnten ihre Lebensweise als Jäger und Sammler in einem größeren Schutzgebiet beibehalten. Sie suchen seit 1998 sporadisch Kontakt zur Außenwelt. Trotz eines offiziellen Verbots bieten lokale Reiseanbieter Fotosafaris entlang einer Straße durch das Gebiet an. Internetvideos zeigen Jarawa, die am Straßenrand betteln oder auf Befehl eines Polizisten für die Touristen tanzen. Auch Wilderer dringen in das Schutzgebiet ein und nutzen Alkohol oder Marihuana, um Jarawa-Frauen sexuell gefügig zu machen.

Lediglich die Sentinelesen leben noch in völliger Isolation auf einer kleinen Insel. Ihre Sprache und Kultur ist unerforscht, da alle bisherigen Versuche einer Kontaktaufnahme mit Drohgebärden und Pfeilschüssen beantwortet wurden. Entgegen anderslautender Darstellungen besitzen sie aber sowohl das Feuer als auch Metallwerkzeuge, die sie aus dem Schrott eines vor ihrer Insel gestrandeten Schiffes fertigen. Zum Schutz der Sentinelesen, die durch ihnen fremde Krankheitserreger leicht komplett ausgelöscht werden könnten, hat die indische Regierung ein striktes Anlandeverbot über ihre Insel verhängt. Leider wird diese Schutzmaßnahme nicht immer respektiert. So beschloss im November 2018 ein Missionar aus den USA, die Sentinelesen zum Christentum zu bekehren. Er versuchte mehrfach die Insel zu betreten, wurde immer wieder verjagt und schließlich durch einen Pfeilschuss getötet.

Angesichts solcher Nachrichten, die wie Episoden aus den dunkelsten Zeiten des Kolonialismus klingen, müssen wir auch unser Verhältnis zu Objekten wie diesem Korb neu bewerten. So ist es meiner Ansicht nach unzureichend, lediglich über Raubkunst und vergangenes Unrecht zu diskutieren, oder sich unserer historischen Verantwortung durch ein paar symbolische Rückgaben zu entziehen. Als Hüter - und nicht als Besitzer - solcher historischen Objekte sehe ich ethnologische Museen in der Pflicht, neben der Aufarbeitung unserer eigenen Kolonialgeschichte auch die Herkunftsgemeinschaften in aller Welt und ihre heutige Situation nicht aus dem Blick zu verlieren.