Ein Wolf geht auf Reisen

Wolfsmaske der Nuu-chah-nulth, Kanada, vor 1885, Inv. Nr. 4991, Sammlung Jacobsen.

Die Bedeutung der Völkerkundesammlung spiegelt sich auch in den Leihanfragen anderer Museen wieder, die Objekte aus unserem Bestand in ihren Ausstellungen zeigen wollen. So ging vergangene Woche eine Wolfsmaske von der kanadischen Nordwestküste an das MARKK in Hamburg, wo sie als ein Highlight der Ausstellung „Von Wölfen und Menschen“ zur Vermittlung eines ebenso wichtigen wie aktuellen Themas beiträgt.

Diese Maske stammt von der kanadischen First Nation der Nuu-chah-nulth (Nootka). Masken dieses Typs waren wichtiger Bestandteil der im Winter stattfindenden, mehrtägigen Wolfsrituale, die der Initiation dienten. Bei der Bemalung der Masken wurden vornehmlich die rituell bedeutsamen Farben Schwarz, Rot und Weiß benutzt. Das bei diesem Exemplar auffällige Blau könnte darauf hinweisen, dass sie auch bei anderen Gelegenheiten wie Hochzeiten oder Beerdigungen präsentiert wurde.

Gesammelt wurde dieses Objekt von dem norwegischen Kapitän Adrian Jacobsen, der 1885 die Region bereiste, um Indianer für eine Völkerschau in Hagenbecks Tierpark anzuwerben. Bei dieser Gelegenheit erwarb er in den Siedlungen auch einige Objekte, während andere von den indianischen Künstlern während ihrer Tournee in Deutschland geschnitzt wurden. Da Indigene bei solchen Völkerschauen oft Ausbeutung und Diskriminierung erlebten, werden alle Objekte dieses Sammlers in einem eigenen Forschungsprojekt kritisch geprüft. Man sollte die Indigenen aber nicht leichtfertig als unwissende Opfer raffgieriger Europäer abstempeln. Gerade die Gemeinschaften der Nordwestküste blicken auf eine lange Tradition des Handels mit russischen, englischen und amerikanischen Händlern zurück und waren sich des Wertes ihrer Kunst durchaus bewusst. So beklagte sich Jacobsen in seinem Tagebuch über die hohen Preise, die er zahlen musste. Zudem belegen Objekte wie ein Bootsmodell oder ein Miniaturtotempfahl aus seiner Sammlung, dass die Indigenen durchaus schon daran gewöhnt waren, Objekte gezielt für den Verkauf an Reisende zu produzieren.

Auch heute noch verkaufen die Indigenen der Nordwestküste solche Schnitzereien an fremde Besucher. Durch den Kreuzfahrttourismus übersteigt die Nachfrage aber inzwischen das Angebot lokaler Kunsthandwerker erheblich. Und so wird die Mehrzahl der angebotenen Totempfähle inzwischen in Niedriglohnwerkstätten auf der indonesischen Insel Bali massenproduziert…

Lars Frühsorge, 18.04.2019