Der Julenisse

Julenisser, Dänemark, 21. Jh., Inv. Nr. 2013.18:3+4

Den Glauben an Wichtel oder Kobolde findet man unter vielen Namen überall in Europa, jedoch nicht in dieser Popularität wie in Dänemark: Sie sind aus der Geschichte und Kultur, ganz zu schweigen von ihrer Rolle in der Gesellschaft, als wohl populärste übersinnliche Wesen nicht mehr wegzudenken. Ein Nisse ist ein gårdbo, ein Hausgeist/-wesen (auch Haus-/Hofverwalter). Nach altem Volksglauben ist er ein übernatürliches Wesen und hat seinen Ursprung im vorchristlichen Glauben an Hausgötter, die sich um das Heim kümmern und die dort lebende Familie vor Unglück beschützen. Dem Nisse ähnlich ist auch der germanische Wichtel/Kobold. In Dänemark und Norwegen wird er gerne als Pfeife rauchender Mann von der Größe eines 10-12jährigen Jungen, in grauer Kleidung und roter Zipfelmütze (wie die Kleidung der Bauern aus dem 18. Jahrhundert) gesehen. Er kümmert sich hingebungsvoll um die Tiere und ist auf jedem guten Bauernhof zu finden, wo er meistens auf dem Dachboden, in der Scheune oder über dem Stall wohnt. Er ist hilfsbereit und loyal gegenüber dem Bauern, wenn er als Lohn für seine Arbeit jeden Samstagabend eine süße Grütze mit einem Klecks Butter bekommt. Man sollte stets den Nisse mit Respekt und guter Grütze bei Laune halten, denn ein Hof ohne Nisse galt schon immer als vom Unglück verfolgt und von schlechten Ernten, Hunger und sogar Tod geplagt. 

Die Umwandlung des Nisse zum Julenisse und die Popularität des Julenisse haben zwei wichtige Gründe: 1. die Romantisierung und 2. der Nationalismus im 19. Jahrhundert, mit einer gewissen Kontinuität bis heute. Die älteste Zeichnung eines Julenisse stammt aus dem Jahre 1836 vom dänischen Künstler Constantin Hansen. Er befand sich Weihachten 1836 in Rom, wollte dort Weihnachten besonders dänisch feiern und integrierte somit den Nisse in sein Weihnachtsgemälde. 1840/1850 wurde diese Idee von anderen Künstlern übernommen, kopiert und verbreitet. So schufen Maler einen julenisse (dt. Weihnachtsnisse), da der Nisse ja ein Beschützer des Heimes und der Familie war und Weihnachten als das große Fest der Familie galt. So wurde der Nisse im Laufe der Zeit in Dänemark der Geschenkebringer zu Weihnachten, der erst um die Zeit des 1. Weltkriegs langsam vom Weihnachtsmann in dieser einen Funktion abgelöst wurde. Wichtig zu bemerken ist hierbei, dass der Nisse auch sonst in Skandinavien auftaucht und dort ein Instrument und eine Neuentdeckung des Bürgertums wurde. Aber nur in Dänemark wurde der Original-Nisse als Julenisse mit Weihnachten verknüpft. Mit dem Krieg 1864 musste das Weihnachtsfest in Dänemark demonstrativ dä­nisch werden. Daher fing man an, dänische Flaggengirlanden (Danebrog) auf die Weihnachtsbäume zu hängen und ihn generell in den dänischen Farben rot und weiß zu schmücken (Bräuche, die bis heute weit verbreitet sind und immer noch praktiziert werden). Somit ist der Julenisse mit der roten Zipfelmütze auch gleichzeitig ein Mittel der nationalen Abgrenzung.

Heute ist der Nisse (oder besser gesagt, der Julenisse) in Dänemark eine überaus verehrte Gestalt. Diese Liebe hat sich in den letzten 50 Jahren (mit steigender Intensität) auch die Werbebranche, die Industrie und insbesondere die Unterhaltungsindustrie zu Nutzen gemacht, die den Nisse kommerziell einsetzen und somit ihre Umsätze im Weihnachtsgeschäft deutlich steigern. Die wirtschaftliche Nutzung als Werbefigur zeigt sich in seiner frühesten Form auf Etiketten des Juleøl /Julebryg vieler kleiner Brauereien bereits seit den 1890ern. Bei diesem Weihnachtsbier handelt es sich um gegorenes Malzbier mit mehr Zucker und bis zu 2,5 ‰ Alkoholgehalt. 

Wie radikal die Liebe zum Julenisse auch heute noch sein kann, lässt sich an der heftigen Reaktion Weihnachten 2010 in Dänemark erkennen: Pastor Jon Knudsen ließ vor seiner Kirche in Løkken, Vendsyssel, Nordjütland, einen Nisse am Galgen aufhängen und verteufelte ihn öffentlich als heidnischen Dämon. Danach erhielt er viele Androhungen von Gewalt und war Telefonterror ausgesetzt. Letztendlich musste er seine Kirche aus Angst vor Vandalismus bewachen lassen. 

Gerade die Umsatzsteigerung durch den Nisse stieß bei linken Akademikern der dänischen Gesellschaft in den 1970er Jahren auf Ablehnung, auch bekannt als ‚Antijulenissismus‘. Es handelte sich um antikommerzielle Proteste, da Julenisse und Weihnachten als kapitalistischer Kommerz verteufelt wurden. Jedoch mit dem Abflauen der kapitalismuskritischen Tendenzen Ende der 70er Jahre setzte der Julenisse seinen Siegeszug weiter fort, ungebrochen bis heute.

Bettina Braunmüller (Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk)